Ich habe bereits über den Pling Moment und den Popcorn Moment geschrieben. Zwei Möglichkeiten, mit relativ einfachen Mitteln durch musikalisches Tanzen zu glänzen.
Heute schreibe ich über ein Musikstück, das sich hervorragend eignet, um Eindruck zu schinden, weil man so schön knackig mit dem Rhythmus spielen kann.
Jeder der öfter eine Milonga besucht, hat dieses Stück schon gehört und entweder die Tänzer bewundert, die dabei gekonnt Rhythmusspielereien machen, oder selber dazu getanzt (und versucht, diese Rhythmusspielereien ebenfalls zu tanzen).
Ich schreibe bewusst, „ein Musikstück“, weil es nicht ganz klar ist, ob es sich dabei um einen Tango oder eine Milonga handelt.
Manche, vor allem frühere, Tangostücke lassen sich nämlich sowohl als Tango wie auch als Milonga interpretieren und es wurde nicht immer scharf zwischen beiden getrennt.
Der große Tangokomponist Ángel Villoldo schrieb dieses Stück 1902, als komischen Tango. In Buenos Aires wurde er schnell zum Hit.
Villoldo nannte ihn „El Esquinazo“.
Die Tangotänzer verstanden sofort, was gemeint war. Der Titel sprach für sich.*
Um die Jahrhundertwende war „El Esquinazo“ in Buenos Aires Slang für „versetzt werden“.
Wenn ein Mann mit einer Frau abgemacht hatte, sich an einer bestimmten Straßenecke zu treffen, und sie nicht kam, war er „El Esquinazo“, der „Eckensteher“, derjenige, der versetzt worden war.
Eine Situation, die offenbar viele Männer bestens kannten.
Viele glauben, dass Ángel Villoldo mit dieser Tangomilonga all die Emotionen widerspiegeln wollte, die dieser bildhafte Ausdruck mit sich bringt.
„El Esquinazo“ erkennt man leicht an den drei schnellen Klopfgeräuschen, die schon am Anfang zu hören sind, als würde ein frustrierter junger Mann vor Wut auf den Boden an einer Straßenecke stampfen. Dieses Klopfen kommt in„El Esquinazo“ mehrfach vor, in der Fassung von Juan D´Arienzo, die ich hier vorstelle, acht Mal.
1903 wurde „El Esquinazo“ so populär, dass die Gäste im „Café Tarana“ in Palermo (Stadtteil von Buenos Aires) jedes Mal, wenn „El Esquinazo“ gespielt wurde, mit Händen und Füßen mitklopften.
Aber dabei blieb es nicht. Schnell wurden dafür Kaffeelöffel, Tassen, Teller, Stühle und alles andere verwendet, was den Zuhörern in die Hände kam und Krach machte.
Das Ganze geriet völlig außer Kontrolle und hinterließ ein solches Chaos aus zerbrochenen Tellern und Gläsern, dass der Besitzer „El Esquinazo“ den Krieg erklärte und ein Schild aufhängte: „Ab sofort ist das Spielen des Tangos ‚El Esquinazo‘ strengstens verboten. Wir bitten um Ihre Kooperation. Die Geschäftsleitung.“
Beim Tanzen zu „El Esquinazo“ hat man die Gelegenheit, das Klopfen des Orchesters mit den Füßen mitzustampfen. Es kommt, wie gesagt, achtmal vor (zumindest in der von mir vorgestellten Version). Und zwar an den Stellen 0:02 – 0:10 – 0:38 – 0:48 -1:16 – 1:24 – 1:54- – 2:02 (ungefähr).
Ich habe aber auch schon Fassungen dieses Stücks gehört, bei denen das Orchester die Zuhörer an der Nase herumführt und während des von allen erwarteten Klopfens stumm bleibt.
Wenn Ihr es mittanzen wollt, achtet darauf, dass das Klopfen synkopiert ist, also nicht gleichmäßig „DamDamDam“, sondern DaDam-Dam. Die ersten zwei Klopfer sind schnell, vor dem dritten ist eine kurze Pause.
Gelegentlich mache ich mir einen Spaß daraus, diesen Rhythmus im Vorbeitanzen auf einem passenden Möbelstück (Tisch, Stuhl oder Klavier) zu klopfen.
So, und jetzt wünsche ich Euch viel Spaß, beim Zuhören und beim Tanzen.
*Später wurde Text hinzugefügt, aber ich habe bisher noch keine gesungene Fassung dieses Stücks gefunden.