Wer immer auch denkt, dass beim Tango die Frauenrolle ganz einfach zu tanzen sei, irrt sich gewaltig. Das merkt jeder Herr, der ab und zu in der Frauenrolle tanzt.
Klar, wenn man/frau einmal die Grundlagen verinnerlicht und im Körpergedächtnis abgespeichert hat, geht es deutlich leichter (zumindest wenn frau einfach genießen und keine gewaltige Show abziehen will).
Aber bis dahin gibt es, wie die Erfahrung zeigt, eine Menge Unsicherheiten, die frau bewältigen muss.
- Sie spürt ein Signal, ist sich aber nicht sicher, ob sie es richtig verstanden hat.
- Hat sie das Richtige getan, die richtigen Schritte in der gewünschten Richtung getanzt?
- War es das, was der Herr wollte, oder hat sie einen Fehler gemacht? Sollte es sich so anfühlen?
Sie versucht, sich anzupassen, schnell zu raten, was der Herr von ihr erwartet und vermeintlich geführte Schritte vorwegzunehmen, bevor noch irgendein Führungsimpuls, eine Einladung kommt.
Anstatt den Tanz zu genießen, fühlt sie sich gestresst und unsicher.
Gut, natürlich sollten Herren oder führende Damen die richtigen Signale geben, klar mitteilen, zu was sie ihr Gegenüber einladen wollen.
Aber selbst dann ist es für die Dame nicht immer klar.
Jeder Tänzer hat eine ganz individuelle Weise, Signale zu geben. Das kann sich bei unterschiedlichen Tänzern ganz unterschiedlich anfühlen, auch wenn sie das Gleiche wollen.
Die Herausforderung für alle die die Damenrolle tanzen (mehr noch als das in der Herrenrolle der Fall ist), ist, sich immer wieder auf neue Tänzer einzustellen.
Diese Herausforderung ist aber auch eine Chance. Durch das Tanzen mit unterschiedlichen Tänzern erweitert sich das sensorische Repertoire. Die Dame lernt, besser zu spüren, auf was der jeweilige Tanzpartner hinaus will.
Gute Tänzerinnen spüren das beim Tanzen sehr schnell und können entsprechend antworten, ohne dabei unter Stress zu geraten. Das braucht jedoch einiges an Übung.
Ein Tipp, den ich immer wieder gebe, ist, wirklich nur dann zu reagieren, wenn das Signal des Herren völlig klar und angenehm ist.
Konsequentes Stehenbleiben zeigt dem Herrn, dass sie ihn nicht verstanden hat (oder sein Signal so unangenehm war, dass sie ihm nicht folgen mag).
Das mag zwar irritierend sein, gibt aber dem Herrn die Chance, dazuzulernen und ein besserer Tänzer zu werden.
Ein anderer Tipp ist, dass die Dame zwar nicht im vorauseilenden Gehorsam auf jedes vermeintliche Signal hin anfängt, einfach auf gut Glück herumzuwuseln, aber immer bereit ist, eine Bewegung, sofern sie sich gut anfühlt, geschehen zu lassen.
Dafür braucht sie drei Dinge:
- Eine gute, stabile Achse
- Ein stabiles Standbein, auch wenn sie auf dem Ballen steht (wichtig für Pivots, also Drehungen auf einem Bein).
- Ein lockeres Spielbein
Sind diese drei Voraussetzungen gegeben, funktionieren viele Dinge fast wie von selbst.
Die Dame braucht sich so gut wie keine Gedanken mehr zu machen, was sie als Nächstes tun muss.
Stabile Achse, stabiles Standbein und das Wissen darum, dass frau sich um das Spielbein gar nicht kümmern muss (außer sie will es, wenn sie beispielsweise Verzierungen macht), geben ihr die Sicherheit die sie braucht, um entspannt zu tanzen.
Dann muss sie sich auch nicht mehr so oft fragen, ob sie verstanden hat, was er wollte.

Wollte er eigentlich, dass ich jetzt da hingehe?
Also, tanz entspannt und zerbrich Dir nicht zu sehr den Kopf, ob Du wirklich alles verstanden hast, was Dein Tanzpartner von Dir will.
Selbst wenn Du irgendetwas nicht verstanden hast und etwas anderes machst, als er eigentlich wollte, was
soll´s?
Ein guter Tänzer passt sich an, ein nicht so guter lernt hoffentlich dazu und beim nächsten Mal klappt´s besser.
Und wer weiß, vielleicht entsteht aus dem vermeintlichen Fehler ja eine neue, tolle „Figur“, die Euch beiden Spaß macht und Euch die Bewunderung anderer Tänzer einbringt (kommt gar nicht so selten vor).
Und denkt immer daran, Ihr wollt ja Spaß haben und nicht Stress (da muss nicht alles hundertfünfzigprozentig funktionieren).