Dieser Artikel richtet sich zwar vor allem an diejenigen, die die Herrenrolle tanzen.
Das Prinzip (beziehungsweise das Problem), welches ich darin beschreibe, gilt aber für beide Rollen, auch wenn es sich meistens unterschiedlich auswirkt.
Vielleicht hast Du das bei Dir selbst auch schon bemerkt.
Du stehst vornübergebeugt da und versuchst, die Dame dazu zu bewegen, etwas zu tun. Es ist mühsam und klappt nur mit großer Anstrengung oder überhaupt nicht.
In dieser Situation versuchst Du, die Dame irgendwie mit den Armen hin und her zu zerren, aber das ist weder für die Dame noch für Dich selbst angenehm.
Vielleicht gibst Du auch frustriert auf, bevor alles noch schlimmer wird.
Dabei sollte es doch einfach sein (hat zumindest Dein Tangolehrer gesagt).
Wenn Du solche Situationen vermeiden willst, musst Du Dir zuerst klar machen, was passiert oder vielmehr nicht passiert ist.
In fast hundert Prozent der Fälle warst Du nämlich zu zaghaft.
Anstatt dass Du einen richtigen, entschlossenen Schritt gemacht hast, hast Du Dich mit einem Schrittchen begnügt.
Das passiert so gut wie immer, wenn der Herr (oder die führende Dame) Angst hat, dem Gegenüber auf die Füße zu treten.
Die Dame erhält von Dir einen Impuls, zu gehen (von Dir weg in beliebiger Richtung), aber Du machst keinen entschlossenen Schritt, um mit der Dame zu gehen und somit in ihrer Nähe zu bleiben.
Das bedeutet, Du bleibst zurück und entfernst Dich somit von der Dame (oder umgekehrt).
Und weil Du jetzt wegen Deines zögerlichen Schritts viel zu weit weg bist, versuchst Du, das zu kompensieren, indem Du Dich vornüberbeugst, um der Dame wieder näher zu kommen, und versuchst, die Führung, die eigentlich durch die Bewegungsdynamik Deines Körpers entstehen sollte, durch mehr oder weniger gekonntes Rumfuhrwerken mit Deinen Armen doch noch irgendwie hinzukriegen.
Das funktioniert meistens nicht gut und bei manchen Bewegungsabläufen funktioniert es überhaupt nicht.
Dabei wäre es leicht gewesen, wenn Du einen entschlossenen Schritt gemacht hättest und in Deiner Achse über dem Standbein ständest.
Um das deutlich zu machen und auch einzuüben, verwenden wir in unseren Kursen das folgende Bild:
Stell Dir vor, Du bist der Erste am Nordpol.
Du kommst an, mit Deinem vollen Gewicht auf dem Standbein, und rammst Deine Fahne ins Eis.
Erster am Nordpol!!!
In dem Moment stehst Du wirklich geerdet über Deinem Standbein. Das macht viele scheinbar komplizierte Bewegungsabläufe einfach, unter anderem (aber nicht nur), weil Du immer in der richtigen Nähe zu Deiner Partnerin bleibst.
Wer schon mal bei unseren Kursen war, weiß, dass wir dieses Spiel noch fortsetzen.
Erster am Südpol, Erster auf dem Mond, Erster auf dem Mars, Erster auf irgendeinem Planeten außerhalb unserer Galaxis und so weiter.
Wichtig dabei ist, jedes Mal mit vollem Gewicht auf dem Standbein anzukommen, die imaginäre Fahne in den Boden zu rammen und für einen Moment das Gefühl auszukosten, Erster zu sein.
Auf diese Weise entfernst Du Dich nie mehr so weit von Deiner Tanzpartnerin, dass Du Deine Achse aufgeben und Dich vornüberbeugen musst, um ihr nahe zu sein.
Außerdem passieren dabei mit unserem Körper auch noch ein paar andere hilfreiche Dinge, die zu beschreiben aber den Rahmen dieses Rundbriefs sprengen würden.
Also, hab Mut. Erster zu sein, hat beim Tango klare Vorteile (und ich bitte „Erster“ nicht im Sinn von „schnell, schnell“ zu verstehen).